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Die globalisierte WM-Welt
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Die globalisierte WM-Welt – ein kritischer Text zur WM-Geschichte und deren Auswirkungen

 

broschüre titel

Vorwort zur Übersetzung

Nachdem an der WM 2010 in Südafrika schon heftige Kritik an der Umsetzung und dessen Konsequenzen für einen Großteil, v.a. der armen Bevölkerung geübt wurde, wurde nun, 2014 die WM in Brasilien angepfiffen. Geändert hat sich an der Umsetzung nicht viel, es wird eher noch konsequenter mit „Problemen“ umgegangen, die sich hauptsächlich auf die kapitalistische Weiterentwicklung der Welt gründen. Der Mensch als Individuum und Teil dieses Systems spielt dabei keine große Rolle. Geld, Einfluss, Ruhm, Prestige und exklusives Marketing sind die Schlagworte der Stunde.

Einige Genoss_innen aus Brasilien und Uruguay haben sich mit den Umständen der aktuellen WM in Brasilien auseinandergesetzt. Mit viel Wut im Bauch ist dabei folgender Text entstanden. Er spricht über die Anfangszeiten der WM-Euphorie, über Korruption und Betrug v.a. an den Menschen selber. Ausgangspunkt sind drei Konstrukte, die analysiert und miteinander in Verbindung gestellt werden: die Welt, die WM-Welt und die globalisierte WM-Welt. Im Spanischen ergibt sich daraus ein kleines Wortspiel, was in der Übersetzung leider nicht beibehalten werden konnte: el mundo, el mundo mundial und el mundo mundial mundializado.

Die Welt, als ein Zusammenspiel verschiedener Elemente und Lebewesen auf der Erde.

Die WM-Welt, als ein System, welches den Fußball als Profit betrachtet und sich ohne Rücksicht auf lokale Gegebenheiten am Austragungsort ausbreitet.

Und letztlich die globalisierte WM-Welt, die beschreibt, wie der WM-Wahnsinn in alle Länder expandiert.

(im Anhang gibts den Text nochmal als Broschüre zum drucken)

 
 

MUNDO MUNDIAL MUNDIALIZADO- DIE GLOBALISIERTE WM-WELT

Vorhergehende Worte

Wir wollten einen Text lesen, der bis zu diesem Moment noch nicht geschrieben wurde. Uns interessierte eine kritische Analyse der Rolle der Weltmeisterschaft in der Geschichte, ihre Verbindung mit der Gesellschaft, in der wir leben und ihre konstante Entwicklung. Allerdings fanden wir nur eine endlose Menge an unzusammenhängenden Daten, Zahlen und einzelnen Kritiken.

Diesen Text zu schreiben, hat dazu geführt, dass wir in den Händen halten, was wir suchten.

Mundo- Die Welt

Unser Leben entwickelt sich in einer bestimmten Zeit und einem bestimmten Raum. Für gewöhnlich nennen wir diese kulturelle Konstruktion Welt, die sich über die reale Erde spannt, die uns beherbergt. Die Erde ist derweil ein System von Wechselwirkungen zwischen Lebewesen und Energien und neigt notwendigerweise zu einem Gleichgewicht. Das Gleichgewicht als Ordnungsprinzip, die Balance zwischen allen Komponenten, gilt als natürlicher Zustand. Als in der Erdatmosphäre der Kohlenstoffdioxid-Anteil zunahm, verbreiteten sich die Lebewesen, die sich davon ernährten, es im Boden speicherten oder zu Sauerstoff verarbeiteten. Immer wenn ein Element überwiegt, neigt die Erde zu einem Ausgleich, ein neues Gleichgewicht zu schaffen.

Dieses Lebensprinzip, dass der Planet Erde in jedem Moment seiner Geschichte zeigt, ist ein fundamentales Element seiner Überlebensstrategie und gleichzeitig Anreger für eine Idee, die auch die Menschheitsgeschichte durchzieht: die faire Übereinkunft zwischen den Individuen,

das Gleichgewicht zwischen den Menschen und der Natur, die Idee der Gerechtigkeit, durch die Waage symbolisiert.

Es ist keine Neuigkeit, dass diese kulturelle Konstruktion, die wir hier und jetzt auf der Erde aufbauen, ein Niveau der Ungerechtigkeit und Unausgewogenheit erreicht hat, wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Obwohl es innerhalb der von uns konstruierten Welten schon jede Art von Ungerechtigkeit und Ungleichgewicht gab, finden wir uns heute in einer Situation wieder, weit entfernt jeder Balance, die das Überleben der Menschheit in Frage stellt. Aber noch viel schlimmer als das Verschwinden unserer Art und wie ein Früchtchen auf dem beschämenden Kuchen krönt der Fakt, dass der Mensch eine dermaßen große Störung des Gleichgewichts geschaffen hat, dass auch ein Großteil des Lebens auf diesem Planeten aufhören könnte zu existieren.

Ironischerweise wird auch die Existenz der von uns konstruierten Welt oder jeder anderen, unmöglich, sobald die Erde aufhört uns beherbergen zu können.

Die Zentrierung der Macht, die Entfremdung der menschlichen Bindungen, die Distanz zur Natur und ihre fortschreitende Zerstörung, ebenso wie die Beklemmung und ein Unwohlsein des Planeten Erde, liegt sicherlich in kollektiver Verantwortung. Die Menschheit in ihrer Gesamtheit und als Art ist verantwortlich für die Zerstörung und unmöglich gewordenen Existenz von Leben. Aber genauso sicher ist, dass die Verantwortung nicht allen gleich zugeschoben werden kann. Es gibt einige, die ihren individuellen Wohlstand vor den der anderen stellen und die in einer besonders privilegierten Situation leben. Für sie ist das Erhalten ihres Privilegs wichtiger als das Wohlsein ihresgleichen, ebenso wenig interessiert sie das Leben aller anderen uns Gesellschaft leistenden Lebewesen oder das Wohlbefinden der Erde selbst.

Obwohl, offensichtlich und wie wir schon sagten, wir alle die Verantwortung für das Ungleichgewicht tragen, dass die Menschen provoziert haben, ist es allerdings absurd zu behaupten, dass ein Kind, das Steine gegen einen Panzer wirft genauso verantwortlich ist, wie ein Unternehmer der Waffenindustrie, der mit eben diesen Panzern sein Geld verdient. Der Unternehmer macht Geld und bewahrt sein Privileg, über Tod und Unterwerfung freier Individuen zu entscheiden. Tod und Unterwerfung sind für ihn ein wünschenswertes Geschäft und seine Befähigung auf die Produktion von Kriegen einzuwirken, machen ihn mehr als verantwortlich.

Auf die gleiche Weise ist der Firmeninhaber, der massenhaft Rohstoffe durch Zerstörung und Kontaminierung gewinnt, um einiges verantwortlicher als der Ureinwohner des Amazonas. Einen Platz an der Macht zu besetzen bedeutet, eine Menge Privilegien zu besitzen um seine Mitmenschen zu betrügen, zu täuschen und absichtlich zu verunsichern. Es bedeutet auch einen unvergleichbar höheren Anteil an Verantwortung übernehmen zu müssen.

Dieses Ungleichgewicht, dieses Fehlen von Gerechtigkeit gegenüber der Übereinkunft zwischen den Individuen und zwischen der Menschheit und der Natur, muss behoben werden. Allein schon weil es das Ordnungsprinzip des Lebens und unserer Erde ist. Überall, wo du auch hinschaust, existiert ein lebendiger Widerstandsmechanismus, der sich dem Ungleichgewicht und der Zerstörung des Lebens entgegensetzt. Ebenso wie es die gibt, denen ein Großteil der Verantwortung für die Aufrechterhaltung dieses Zustands zukommt, gibt es viele, die ihn bekämpfen und ihm die Stirn bieten, indem sie, ohne auf den eigenen Nutzen zu achten, dem Leben und seiner Entwicklung Bedeutung geben. Dieser Anstoß ist nichts weiter als ein Heilungsmechanismus, den die Erde schafft, um sich auszugleichen. Es ist die Stimme des Lebens, die durch die spricht, die rebellieren.

Für jeden Fortschritt der Profitgewinnung auf Kosten des kollektiven Lebens und Wohlbefindens, müssen die Machthabenden und Privilegierten auf Legitimations- und Überzeugungsmechanismen zurückgreifen.

Die Welt, diese kulturelle Konstruktion des Hier und Jetzt, erhalten durch den absichtlichen Betrug einer Minderheit gegenüber der Mehrheit, produziert im Interesse ihrer Entwicklung zwei Legitimations-Hilfsmittel. Die Konstruktion einer fiktiven oder realen Wirklichkeit, die zu Angst erzieht. Und die Schaffung von falschen Bedürfnissen innerhalb des Versprechens einer gemeinsamen, angeblich positiven Zukunft.

Die mentale Unsicherheit, der künstliche Mangel und die Drohung, dass vermeintliche Profite sich verringern würden, sind die wesentlichen Strategien um Angst zu produzieren. Davon ausgehend wird die Repression in den Straßen legitimiert, die individuelle Isolierung und das Konform gehen mit der Produktion von Arbeit, die die Zerstörung der Natur auf dem Gewissen hat. Als Gegenleistung wird Wohlstand versprochen und die Beklemmung soll durch den Erwerb von Unötigem, wie eine neue Regierung oder Zwangskonsum, überwunden werden; das Individuum wird in die Irre geführt und akzeptiert die Verinnerlichung dieser Welt, anstatt sie zu bekämpfen.

Die Angst legitimiert Kriege, Repression und erhält die Zentrierung der Macht. Das Versprechen einer besseren Zukunft lässt uns akzeptieren, was inakzeptabel ist. Wir denken, wenn wir mehr von dem trinken, was uns verdirbt, erleichtern wir den Zustand der Vergiftung.

Die Strategien wiederholen sich in der Geschichte der Menschheit. Ebenso wie durch Krieg und Repression Umwandlungen herbeigeführt werden, wurde schon früher auf besondere Ereignisse zurückgegriffen, um die Umformung von Gewohnheiten, Verhältnissen und städtischen Strukturen zu rechtfertigen. So wie jeder römische Kaiser sein eigenes Forum erbauen ließ oder Europa Ende des 19. Jahrhunderts die Weltausstellungen veranstaltete, werden seit dem 20. Jahrhundert die Fußballweltmeisterschaften und die Olympischen Spiele dazu genutzt, Landschaft und Kultur umzuformen.

Jedes Mal, wenn eine Weltmeisterschaft veranstaltet wird, werden Wege für die Warenzirkulation geschaffen, werden neue Arten des Warenaustauschs gewährleistet und repressive Prozesse gerechtfertigt. Aber nicht nur das. Die Verbindung, die der Einheimische mit seinem Lebensraum hat, wird verändert, die Vorstellung von einem Fremden wird verformt, als wäre er jemand, dem Geld abgenommen werden kann und Nationalismus und Konsum, egal welchen Produkts, wird vorangetrieben. Angeblich vorübergehende kulturelle Veränderungen werden anschließend dauerhaft etabliert.

Nur wenige werden sich erinnern, aber das uruguayische Fernsehen begann seine Übertragung jeden Tag um 17:00 Uhr. Erst mit der Ausstrahlung der Olympischen Spiele 1984 begann sie schon um 12:00 Uhr, eine Veränderung, die erhalten blieb, selbst als die Spiele beendet waren. Vielleicht erscheint dieses Beispiel wenig relevant, aber das ist es nicht. Eine Veränderung dieser Art beinhaltet eine enorme kulturelle Umwandlung ohne das jemand es bemerkt.

Von diesen vermeintlich umstandsbedingten Veränderungen und von der Legitimation eines Meeres an Umformungen, die das Ungleichgewicht des hier und jetzt der Welt vergrößern, von dieser Weltmeisterschafts-Welt, wollen wir sprechen.

Mundo Mundial – die WM-Welt

Wenn wir festlegen, dass die Welt nichts anderes ist, als eine kulturelle Konstruktion, die wir auf der Erde, die uns beherbergt, konstruieren, so ist die WM-Welt ein vorübergehendes und umstandsbedingtes Werk, das wir innerhalb der Welt errichten. Während der WM-Welt, als ein Ausnahmezustand in einem bestimmten Zeitraum, verfügt die Kultur über ganz bestimmtes Verhalten, Erwartungen, Verpflichtungen und Emotionalität. Indem die WM-Welt sich als etwas wünschenswertes, positives und gewinnbringendes für die Entwicklung des kollektiven Wohlseins etabliert hat, legt sie der Welt Konditionen auf.

Per Definition wird diese Ausnahme von anderen Kriterien, Regeln und Weitsichtigkeit geleitet, als im normalen Alltag. Aber die WM-Welt ist eine falsche Ausnahme, ohne Rücksicht auf Zeit, Kriterien, Regeln oder gesunden Menschenverstand. Sie wird in unsere Kultur unüberlegt doch als Konstante aufgenommen. Zugleich ist sie Produkt dieser Welt und als wiederkehrendes Phänomen auch Bestätigung und Lobgesang der bestehenden Macht in all ihren Instanzen. In der Welt ist sie das Ereignis, um die eigenen Spielregeln zu feiern und zu bekräftigen- das “Fest der bestehenden Ordnung”.

Auf diese Art bestärken die Staaten ihren Nationalismus und legitimieren damit ihre Existenz. Die Autorität feiert sich selbst in ihrer Fähigkeit Macht auszuüben und zu kontrollieren. Der Warenaustausch wird zum Motor der Existenz und zur Möglichkeit eines angeblichen Wohlstandes. Und wie selbstverständlich feiert die patriarchale Kultur ihr größtes Fest.

Auf diese Weise betrachtet, ist die WM Welt nicht nur eine Meisterschaft oder ein Fußball- Wettbewerb und beginnt weder mit dem ersten Spiel, noch hört sie mit dem letzten auf.

1930 beabsichtigte der Staat Uruguay seine ersten 100 Lebensjahre zu feiern, um damit historisch gesehen seine Existenz zu rechtfertigen und zu einem Nationalismus anzuregen, den es bis dahin in Uruguay so nicht gab. Die Entscheidung, in besagtem Jahr, war ein Produkt einer politischen, spezifisch wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit und keine historische Realität. Ebenso wie 82 Jahre später, im Jahr 2012, die 200 Jahresfeier veranstaltet wurde.

In diesem Rahmen, mitten im oekonomischen Aufschwung, bot sich der Staat Uruguay an, Stätte der ersten Fußball-Weltmeisterschaft in der Geschichte zu sein und gleichzeitig Versuchsraum.

Mit dieser Entschuldigung wurde die Infrastruktur ausgebaut und innerhalb von 9 Monaten wurde das größte Stadion der Welt erbaut. Indem die Euphorie für die Siege im Fußball während der olympischen Spiele ausnutzt wurde und um eine kulturelle Einigkeit zu schaffen, beabsichtigte der Staat den Nationalismus durch sportlichen Wettstreit zu verbreiten. Am 18. Juli wurde die Eröffnung des neuen Stadions gefeiert und gleichzeitig der 100. Jahrestag der ersten Verfassung, auch “jura” genannt.

Die europäischen Kandidaten setzten jedoch Uruguay entgegen, dass es aus ökonomischen Gründen unmöglich sei, die Reise anzutreten. Wohl wissend um die Zweckmäßigkeit der Weltmeisterschaft innerhalb der Hundertjahresfeier, bot der Staat Uruguay an, die Kosten der Reise und des Aufenthalts der Nationalmannschaften zu übernehmen. Zusätzlich boten sie in einem in WM-Zusammenhängen nie wieder gesehenen Verzweiflungsakt an, die Fußballclubs zu entschädigen, die ihre Spieler abtraten.

Selbstverständlich gewann die uruguayische Mannschaft als erste die Weltmeisterschaft. Allerdings wurde dafür dem Schiedsrichter des Finales mit dem Tode gedroht. Genauso wie allen Mitgliedern der argentinischen Mannschaft, die ebenfalls bis zum Finale gekommen war. Die Mannschaftsvorsitzenden zwangen ihren besten Stürmer dazu, sich den Fuß zu verletzten, indem er mehrere Male gegen eine Wand treten musste. Ungeachtet dieser Strategien gewann die argentinische Mannschaft 2:1 gegen Uruguay in der ersten Halbzeit. Es wird sich erzählt, dass, um die Verhältnisse klarzustellen, zu Beginn der zweiten Halbzeit 300 Soldaten mit Bajonetten auf die argentinische Mannschaft warteten und ihnen eine enorme Angst einjagten.

Die uruguayische Mannschaft hatte die Möglichkeit Argentinien zu schlagen und zu beleidigen ohne Rücksicht darauf, dass dadurch mehrere argentinische Spieler auf einer Trage das Spielfeld verlassen mussten. Wir sprechen von einer Zeit, in der es weder Feldverweise noch Spielerwechsel gab. Aus diesem Grund beendete die argentinische Mannschaft das Spiel mit nur noch wenigen Spielern und Uruguay gewann mit 4:2. Der Schiedsrichter wurde wenig später, nach Beendigung des Spiels, im Hafen von Montevideo aufgegriffen, als er versuchte aus dem Land zu fliehen, aus Angst vor möglichen Repressionen.

Noch heute weist eine Redensart in der uruguayischen Sprache auf die Gründung der WM- Welt hin. Wenn dich jemand mit einer offensichtlichen aber bewährten List reinlegt, so sagt man, der hat dich “wie in den 30ern” behandelt. Raum und Zeit zu schaffen, in der Nationalismus gutgeheißen und angeregt wird, mit dem enorme Kosten und Umwandlungen in der Infrastruktur gerechtfertigt werden; der Bevölkerung ein Beruhigungsmittel zu verabreichen; mit einer falschen Siegesfreude von allem Betrug abzulenken; das war und ist “wie in den 30ern”.

Die WM-Welt ist “wie in den 30ern” und die Menschen tappen immer wieder in die gleiche altbekannte Falle. So war es auch 1934 in Italien, Veranstalter und Sieger der WM, mit dem Faschismus von Mussolini in den Köpfen. Auch den italienischen Spielern wurde mit dem Tod gedroht, sollten sie nicht siegreich aus dem Spiel hervorgehen und das Publikum hob vor jedem Spiel den Arm zum faschistischen Gruß. Und so war es auch in Argentinien 1978, Veranstalter und Sieger der WM, während seiner blutigen Diktatur. In diesem Fall wurde die WM-Welt als Propaganda des Staates benutzt und als Ablenkung von den Toten, den Folterungen und dem Verschwinden von Menschen. “Wie in den 30ern” wurde die Meisterschaft manipuliert, die argentinischen Spieler wurden ohne ihr Wissen gedopt und die Gegenspieler sowie die Schiedsrichter bestochen.

Zwischen all diesen Vereinbarungen, die abgeschlossen wurden um die Weltmeisterschaft zu veranstalten, gab es auch ein Einverständnis mit der kommunistischen Partei Argentiniens, in dem diese für ein paar Zugeständnisse versprach, die Meisterschaft nicht zu sabotieren. Die WM-Welt spricht die Sprache der Herrschenden, damit die Organisationen, die hierarchische Strukturen produzieren und erhalten, mit ihr verhandeln können. In den argentinischen Gefängnissen sahen sich viele kommunistische Gefangene die Weltmeisterschaft gemeinsam mit ihren Wärtern an. Auf den Bildschirmen war zu sehen, wie der Trainer der argentinischen Mannschaft, Mitglied der kommunistischen Partei, Cesar Luis Menoti, die Diktatoren begrüßte. Er wurde von Ihnen gelobt und nie sagte er öffentlich gegen die Diktatur aus.

Und es war das Fernsehen, das einen allgemeinen Boykott der europäischen Staaten, mit Frankreich an der Spitze, verhinderte. Wenngleich viele Menschen aus vielen teilen Europas anklagten, die WM-Welt wäre nur ein Propagandawerkzeug der Diktatur, so war Argentinien 1978 doch die erste Echtzeit-Satellitenübertragung in Farbe für die Welt. Es gab nur zwei Standards für die Übertragung beim analogen Fernsehen, das amerikanische NTSC-System und das europäische PAL-N. Der argentinische Staat wählte das europäische System, legte einen neuen staatlichen Kanal an, gab Millionen Dollar für die Ausstattung aus und trieb damit ein Riesen-Geschäft in Europa voran.

Die WM-Welt war und ist nicht nur ein Propagandawerkzeug. Es ist ein verwirrendes System von Unternehmen und Handelsbeziehungen, aus dem Kommerz und Kapitalismus ihren Nutzen ziehen.

Aus diesem Grund ist es nicht immer notwendig, dass das Gastgeberland sich mit dem Sieg krönt, das wäre unhaltbar und unglaubwürdig. Die wirklich unentbehrlichen Faktoren sind die Transformation des physischen Raums in einen an Kontrolle und bestimmte Prozesse angepassten Ort, die kulturelle Veränderung und Konsumbereitschaft, die Passivität und betäubende Katharsis, sowie die erneute Bekräftigung der zentralisierten Herrschaft.

Deswegen war es nicht wirklich notwendig, dass Brasilien 1950 gewinnt, Spanien im Jahr 1982 oder Südafrika im Jahr 2010, etc. Es ist also für die Staaten nicht immer notwendig Zeit,

Energie und Geld zu investieren, um die Spielergebnisse zu manipulieren.

Die WM-Welt treibt die kapitalistische Ökonomie voran. Sie ist, wie schon gesagt, eine komplizierte Verflechtung von Geschäften und ein Fest zur Bestärkung der Macht. Sie hinterlässt unauslöschliche Spuren, überall wo sie auftritt.

Mundo Mundial Mundializado – die globalisierte WM-Welt

Die WM-Welt geht von einer Fußball-Meisterschaft aus, um sich wie ein falscher Zustand selbstständig zu machen, die ein ausgeklügeltes Geschäfts-Netz, sowie kulturelle Umwandlungen zulässt und deren Einflussgebiet sich auch nicht nur auf den Austragungsort oder auf die Dauer der Meisterschaft beschränkt.

Die Globalisierung dessen, also die anhaltende Ausweitung der WM-Welt in ihren zeitlichen und räumlichen Grenzen, lässt eine neue kritische Beurteilungsebene entstehen. Die globalisierte WM-Welt ist die Ausdehnung eines Ölflecks, jederzeit und egal wo du hinsiehst. In dieser Expansion fressen sich die WM-Welt und die Welt gegenseitig auf, wobei sie eine Einheit bilden, die jeden Winkel besiedelt, der außerhalb seines Rahmens liegt.

Joao Havelange, Präsident der FIFA zwischen 1974 und 1998, erklärte sich selbst zum „Verkäufer des Produktes Fußball“. Mit dieser sich auf die Fahne geschriebenen Einstellung widmete er sich der Organisation dieses Vereins aus einer unternehmerischen Marketing-Perspektive. Dabei bot er Werbemöglichkeiten in den Stadien an und brachte die Gewinnbeteiligung für die Übertragungsrechte der Spiele im Fernsehen voran. Die globalisierte WM-Welt ist dieser neue Zustand einer Situation, in der das Produkt Fußball, in Verbindung mit einem beliebigen anderen Produkt oder Vorhaben, Gewinn abwirft. Während sich die Meisterschaften nähern, wirst du beobachten können, wie sich die kommerziellen Flächen mit Nationalfahnen füllen und die Angebote an Trikots, Figuren, Postkarten oder Sondereditionen allermöglicher Produkte, mit auf die Nationalmannschaft anspielenden Bildern, zunehmen.

Jedes Unternehmen und jedes Produkt zeigt sich Fußball-begeistert und als bedingungsloser Fan der Trikots und den Farben der Nationalmannschaft. Die Spieler werden benutzt und treten auch selbst in diesem schmutzigen Spiel der Überzeugungen auf, indem sie den Verkauf falscher Bedürfnisse sponsern und einen absichtlich irrationalen Fanatismus anregen.

Glaubt irgendwer, dass es Coca-Cola wirklich interessiert, dass Uruguay die Weltmeisterschaft gewinnt? Gibt es vielleicht irgendeine_n Fußballfanatiker_in, die/der glaubt, dass die eine oder andere Supermarktkette die Leidenschaft für die Nationalmannschaft des Landes teilt? Zweifelt wirklich irgendjemand daran, dass diese Geschäftsmänner und -frauen ganz einfach die Euphorie in diesem Zusammenhang ausnutzen, um mehr Geld zu machen?

Die globalisierte WM-Welt ist ein dreister und ausdrücklicher Scherz für alle Individuen. Wenn du aufmerksam hinschaust, merkst du, dass die gleiche Werbung, die Coca-Cola in Uruguay macht, indem sie ihre Leidenschaft für „die himmelblaue Nationalmannschaft“ zeigt, auch in Argentinien, Peru oder Spanien schaltet. Wir befinden uns wieder bei „wie in den 30ern“ und während wir das wissen und akzeptieren, gehen wir in die gleiche alte Falle. Alle, Verkäufer und Käufer, wissen, dass die Sprache der Lüge gesprochen wird und obwohl niemand wirklich glaubt was gesagt wird, haben sich unverrückbare Rollen in dieser absurden Parodie des Lebens festgelegt.

Die Konsumenten wissen, dass es in jedem Land Verkäufer gibt, die bereit sind die Rolle der Leidenschaft zur Nationalmannschaft zu spielen, während sie irgendwelche Dinge verkaufen. Die Verkäufer wissen, dass es in allen Ländern Konsumenten geben wird, die sehr gern mit der WM verbundene Produkte kaufen. So die Lage der Dinge, die Kultur bestätigt sich wie ein Schauspiel vorgegebener Rollen und als Verneinung der tatsächlichen und spontanen Ereignisse des Lebens. Und die Heuchelei verfestigt sich wie etwas natürliches und wünschenswertes in den menschlichen Beziehungen.

Die Werbung hat das Produkt, dass es verkaufen will, aus ihrem Zentrum gerückt, um direkt mit der Emotionalität der Käufer zu arbeiten. Es wird keine Coca-Cola, Milch oder Reis verkauft, sondern ein Gefühlszustand, eine Idee, eine Illusion oder ein Traum, von dem wir alle wissen, dass man ihn nicht kaufen kann. Genauso verhält es sich mit den Politikern, die sich mit Fahnen schmücken, sich Gesten aneignen, sowie ein falsches und gespieltes Grinsen, dass sowieso niemand wirklich glaubt. Die globalisierte WM-Welt hat in ihren Augen den Blick des Politikers, der weiß, dass seine Lügen aufgedeckt werden und damit absolut kein Problem hat, weil alle erwarten, dass er lügt, als wäre es völlig normal und akzeptiert.

Als die FIFA 1976 einen Abgesandten nach Argentinien schickte, um die Realisierbarkeit der WM von 1978 nach dem Militärputsch zu untersuchen, erklärte er selbst: „Der Regierungswechsel hat nichts mit der WM zu tun. Wir sind Sportler und keine Politiker.“ Aber dieser Abgesandte war niemand anderes als Hermann Neuberger, ein altes Mitglied der SS, dem auch Havelange zur Seite stand, indem er sagte: „Argentinien ist nun geeigneter denn je, um die WM zu organisieren“, mit einer unübersehbaren Unterstützung der Diktatur.

Die FIFA ist ein politisches Organ und eine zusätzliche Machtstruktur, in der Namen fragwürdiger Personen aus der Tür einer Regierung kommen, um gleich im Anschluss Teil ihrer Reihen zu werden und andersherum. Der Admiral Carlos Lacoste, für die Organisation der WM 1978 seitens der argentinischen Diktatur zuständig, regelte den Umgang mit den 520 Millionen Dollar, die diese WM kostete, war verantwortlich für die Bestechung der peruanischen Spieler und war intellektueller Autor des Attentats, welches das einzige Mitglied der Diktatur umbrachte, das die exzessiven Ausgaben kritisiert hatte. Nach der WM wurde er von Havelange zum Vizepräsidenten der FIFA berufen und war für die Finanzen zuständig.

Und wenn der Weg von der Welt der Regierungspolitik zu den Machtstrukturen des Fußballs nichts Ungewöhnliches ist, so ist auch der entgegengesetzte Fluss geläufig. Im Jahr 1980 war Uruguay unter der Militärdiktatur Austragungsort des sogenannten „Mundialito“ („kleine Weltmeisterschaft“), ein kleines Fußballturnier, bei dem alle Nationalmannschaften antraten, die jemals eine WM gewonnen hatten. Natürlich war dies ein weiterer Mechanismus der Diktatur-Propaganda und, selbstverständlich, gewann Uruguay. Dabei hatte der Fußballverband Uruguay („Asociación Uruguaya de Fútbol“), der für die Organisation dieses Wettbewerbs zuständig war, Tabaré Vazquez in der Kommission für Finanzen und Schatzkammer und kooperierte mit den Militärs, die auch darin verstrickt waren. Die besagte Kommission war dafür zuständig, die Fernsehrechte dieses Wettbewerbs auszuhandeln. Sie erhielten das Geld für die Durchführung aus dem Verkauf der Rechte an einen aufsteigenden italienischen Unternehmer namens Silvio Berlusconi. Jahre später wurde Vazquez Präsident von Uruguay und Berlusconi Präsident von Italien.

Die globalisierte WM-Welt ist also nicht nur die Expansion der WM-Welt auf alle Gebiete, sondern auch die Bestätigung, dass die Machtstrukturen untereinander verhandeln und sich stärken.

Als letzten Punkt wird eine Expansion der Zeit in großem Umfang in der WM-Welt festgestellt. Die globalisierte WM-Welt ist die Konditionierung des Lebens, zu jeder Zeit, durch ihre Regeln und ihr Selbstverständnis. Die für 2022 geplante WM in Qatar verzeichnet jetzt schon den Tod von 200 Arbeitern durch den Bau der Stadien. Die Temperaturen um 50°C verursachen unter den Arbeitern, die aus Nepal bis nach Qatar geholt werden, Tot durch Herz- und Atemstillstand. Der Staat Qatar schätzt die Baukosten auf 100.000 Millionen Dollar, aber er „schätzt“ auch, dass um die 4.000 Arbeiter während der Bauarbeiten sterben werden.

Die globalisierte WM-Welt ist eine kalte und groteske Expansion der Gegebenheiten der WM-Welt, in der alles durch die Aufgabe der Umsetzung der WM gerechtfertigt werden kann.

Es gibt heute unzählige Fälle, in denen Kinder im Alter von 10 Jahren „Vorverträge“ erhalten und sich über die Vorstellung, eines Tages während einer WM spielen zu können, freuen. In Afrika werden sie die „schwarzen Diamanten“ genannt und stellen eine der vielen neuen Möglichkeiten der Sklaverei dar. Das Kind wird durch einen Unternehmer gekauft, der die Verkaufsrechte des zukünftigen Spielers besitzt. Dieses System wird auch von den Fußballclubs selbst angewandt. Der FC Barcelona z.B. hat 10-Jährigen Vorverträge angeboten. Diese müssen dann nach Spanien umziehen, um mit ihrem Training zu beginnen. „Und wenn mein Kind anfängt sich zu langweilen und nicht weiterspielen will?“ hatte ein Vater aus Uruguay gefragt. „Wir haben ein Psychologen-Team, dass mit ihm sprechen wird und damit wird er uns sicher nicht verlassen.“ war die Antwort.

Das Spiel an sich ist eine angenehme Beschäftigung, die ihren Mitspielern Freude bereitet. Es ist eine Artikulationsform noch vor der Ausbildung der gesprochenen Sprache selbst. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Ort der Kommunikation mit sich selbst und den anderen im Vergnügen der Ausübung und es ist, zwangsläufig, eine freiwillige Aktivität. Mit einem Ball zu spielen, kann etwas wunderbares sein, lustig und erzieherisch. Fußballspielen erlaubt uns, zusammen mit den anderen, angenehme körperliche, emotionale und geistige Zustände zu erreichen. Aber die globalisierte WM-Welt ist der Tod und die daraus folgende Schändung des Spiel-Kadavers. Ihre Autopsie wird durch die Sportreporter der ganzen Welt übertragen und kommentiert. Für sie ist das Spiel gestorben, muss zerteilt und einbalsamiert oder in Formaldehyd eingelegt werden.

Wir wollten diesen verworrenen und fatalen Fakten-Knäuel auseinandernehmen, um die

Auseinandersetzung damit zu organisieren. Dabei haben wir jedoch nicht aus dem Auge verloren, dass die Welt, die WM-Welt und die globalisierte WM-Welt in Wirklichkeit das gleiche ist. Wir haben nie aufgehört zu sagen, dass ihr Fortschreiten auch den Tod und die Versteinerung des Leben bedeutet.

Deswegen ist es unlogisch die Organisation der WM in Frage zu stellen, ohne das Funktionieren der Welt in Frage zu stellen. Aber noch ist es eine Aufgabe, die uns von dem ablenkt, was hier und heute wirklich geschieht.

Brasil 2014: Pokal für die Reichen, Befriedungspolizei für die Armen

Wenn es eine Besonderheit gibt, die einen Großteil der WM-Welt Brasilien 2014 charakterisiert und ausmacht, so hat es mit der vorhandenen massiven Zurückweisung derjenigen Individuen oder Kollektive zu tun, die ihr Leben innerhalb des brasilianischen Staates leben. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte sieht sich die WM-Welt mit einer generellen Infragestellung konfrontiert, welche ihr Gebilde von vielen Seiten angreift.

Wenn wir gesagt haben, dass Argentinien 1978 als Propaganda für die Diktatur angeprangert wurde, so hat Brasilien 2014 den massiven Protest auf den Straßen als Wegbegleiter. Der Grund dafür liegt in der tiefgehenden Diskussion darüber, was diese WM-Welt in Hinblick auf die Weiterentwicklung des Ungleichgewichts, die Ausbreitung des Kommerzes, die Rechtfertigung der Repression und die Zerstörung des Lebens eigentlich wirklich ist. Brasilien 2014 wird nicht nur für den Propaganda-Gebrauch kritisiert, sondern wird auch durch eine wütende, entrüstete und nicht zu besänftigende Menschenmenge in allen und jedem einzelnen seiner Wesensmerkmale in Frage gestellt.

Auch wenn es an einer einheitlichen Zusammenstellung fehlt, die mit Klarheit zeigt, dass die WM-Welt nichts anderes ist, als eine Welt, die Raum für die Berechtigung ihrer Expansion sucht, so gibt es doch eine Grundkritik, die nicht nur die organisierten Kollektive äußern, sondern auch der gesunde Menschenverstand eines Großteils der Individuen.

Weil Brasilien 2014 mehr als 250.000 Menschen verdrängt hat, da sie für den Bau der Fußballstadien und anderer Baustellen aus ihren Häusern geräumt wurden. Weil allein in Rio de Janeiro 40.000 Familien gezwungen wurden, ihre Häuser zu verlassen. Weil es in Sao Pablo 70.000 Familien ebenso erging. Weil das Militär die Kontrolle über die Armenviertel (Favelas) übernommen hat, indem sie sich als einzige Autorität darstellt und in das öffentliche und private Leben der Bewohner eingreift, die nun sogar eine Erlaubnis für die Organisation eines Tanzabends einholen müssen.

Brasilien 2014 ist, neben vielen anderen Dingen, eine direkte und offensichtliche Kriegshandlung. Vor denjenigen, die in den Gebieten leben, die der Staat als strategische Gebiete deklarieren wollte, wurde nichts verschleiert. Es geht auch gegen all jene, die sich auf welche Art auch immer, den Beschlüssen widersetzen und die Stirn bieten wollen. Wenn der „Maré- Komplex“ (15 Favelas im Norden Rio de Janeiros) wegen seiner Nähe zum internationalen Flughafen Rios strategisch ist, dann ist auch die Fähigkeit, die Straße durch massive Proteste in Beschlag zu nehmen, strategisch. Brasilien 2014 entwickelt sich auf einer Ebene wie ein traditioneller Krieg, in welchem das Militär Gebiete erobert und besetzt, die Polizei für Verhaftungen zuständig ist, Spionagetätigkeiten organisiert und Strategien zur psychologischen Kontrolle entwickelt werden.

Natürlich entsteht dabei rechtmäßig die Notwendigkeit sich zu fragen, warum der brasilianische Staat diese Strategie gewählt hat. Warum offensichtlich Menschen verletzen, wenn es jede Art von Abschreckungs-, Kontroll- und Überzeugungsmechanismen gibt? Warum die wiederholten Angriffe mit Chemiewaffen (Tränengas) gegen die Demonstranten? Warum Gummigeschosse statt Zugeständnisse? Warum die Bleikugeln? Warum darauf setzen der Bösewicht in einem tragischen Film zu sein, wenn alles auch eine Disney-Komödie sein könnte?

Natürlich gibt es dafür verschiedene Erklärungen, die nicht nur Andeutungen bleiben können. Auf jeden Fall, und damit nicht das mögliche Argument der Dummheit eines Staates aufkommt, der nicht die Konsequenzen seiner Handlungen absehen kann, werden wir Folgendes ins Gedächtnis rufen: Brasilien ist ein Staat mit langfristigen Bestrebungen. Auf internationaler Ebene will er sich als Wirtschaftsmacht, neben den anderen großen, darstellen und muss zwei unverzichtbare Komponenten im Zusammenhang mit dem Umgang von Gewalt erfüllen.

Eine Macht misst sich mit den Anderen in der Fähigkeit sich dem Krieg, der Rüstungsmacht und dem strategischen Gegner zu stellen. Es existiert jedoch keine Macht, die ihren Gegnern nicht auch zeigt, dass sie die Fähigkeit besitzt, ihrer eigenen Bevölkerung Gewalt anzutun und Kriegshandlungen gegen sie durchzusetzen. Ein Staat beweist seine Stärke, indem er den anderen die Botschaft sendet, das er kein Problem damit hat, all seine Kraft zu nutzen, um seine Bewohner anzugreifen und die Konsequenzen zu tragen.

Die Ausführung von willkürlichen, offenkundigen und maßlosen Gewalttaten war und ist eine öffentliche Existenzerklärung, die die zentralisierte Macht an eine andere Macht richtet. Seine Sprache ist die Fähigkeit zur Nötigung seiner Beherrschten, einfach nur, weil er es kann und möchte. Immer wenn diese Fähigkeit hinterfragt wurde, verlor der jeweilige Staat seine gleichwertige Stellung zwischen den anderen.

2008 arbeitete das brasilianische Verteidigungsministerium den „Plan Nacional de Defensa“ (Nationalen Verteidigungsplan) aus. Sie nahmen sich vor, die Streitkräfte nach folgenden Prinzipien umzustrukturieren: operative Verknüpfung der verschiedenen Teilstreitkräfte, Modernisierung der Technologien, Aufrüstung beruhend auf lokaler Produktion, das erneute Verbinden von Bevölkerung und Armee durch die Wehrpflicht und die Militarisierung verschiedener strategischer, nationaler wie internationaler, Orte.

Im besagten Dokument werden mögliche Konfliktszenen geplant, es werden Einsatzvereinbarungen und -protokolle etabliert, die militärische Präsenz soll regional verstärkt werden und es wird die Schaffung eines progressiven Plans vorgeschlagen, um die festgelegten Ziele zu erreichen. Zwischen den verschiedenen strategischen Zielen ist klar und eindeutig die militärische Besetzung der Favelas von Rio de Janeiro und anderen Städten. Die globalisierte WM-Welt ist die beste Entschuldigung für die Umsetzung der besagten Ziele.

Um sich darauf vorzubereiten, hatte Brasilien als Übungsplatz die Besatzung Haitis durch mehrere Staaten und unter dem Schutz der UNO. Dabei waren alle Delegationen der lateinamerikanischen Streitkräfte den Befehlshabern der brasilianischen Truppen unterstellt, welche außerdem die Mehrheit der Besatzungstruppen ausmachte. In Haiti wurde die Invasion und Besetzung von Armenvierteln, die Errichtung und Versorgung eines dauerhaften militärischen Kontrollstaates über die Bevölkerung, die Besetzung von Versorgungswegen und die Kontrolle über die Infrastruktur der Ortschaften erprobt. Die Besatzung Haitis war und ist ein Krieg, der militärische Gewalt gegen die unbewaffnete Zivilbevölkerung durchsetzt und 60% der brasilianischen Truppen, die an dieser Invasion teilnahmen, haben ihren Dienst für die militärische Besetzung der Favelas in Rio de Janeiro geleistet.

So wurde z.B. der General Roberto Escoto mit der Besetzung der Favelas des Maré-Komplexes in Rio de Janeiro beauftragt, der in Haiti zwischen 2004 und 2005 die Koordinierung aller brasilianischen Truppen übernommen hatte. Escoto kommandierte die 2.700 Soldaten, die mit Panzern und Kriegswaffen den Maré-Komplex besetzten. Der Presse gegenüber erklärte er, dass diese Invasion viel komplexer sei als in Haiti und die wesentliche Herausforderung darin besteht, das Vertrauen der Bewohner zu gewinnen.

Auch Fernando Sardenberg war in Haiti. Er war dort der Oberbefehlshaber der brasilianischen Fallschirmspringer und für die Hilfstruppen der Besetzung des Favela-Komplexes „Do Alemao“ zuständig. Von den 800 Fallschirmspringern, die 2010 in Alemao einfielen, waren im Jahr 2004 480 in Haiti gewesen. Zufälle dieser Art wiederholen sich ein ums andere Mal.

Nachdem die Favelas durch die Armee besetzt wurden und ein Sondereinsatz-Bataillon der militarisierten Polizei die Kontrolle übernahm, erschienen die UPP. Die „Unidades de Policía Pacificadora“ (Sondereinheiten der Polizei zur Befriedung der Favelas, die sogenannte Befriedungspolizei) sind Brigaden für eine permanente Besetzung und für die neue Ordnung in den Favelas zuständig.Von ihnen hängen alle Ereignisse ab, die in den Favelas geplant werden und sind damit eine direkte Erbschaft der Strategien der permanenten Kontrolle, wie sie auch in Haiti umgesetzt wurden. Wenn ein Staat an sich immer ein gewaltsamer Eingriff in den Alltag der Individuen ist und wenn, wie gesagt, eine Armee ein Staat im Staate ist, so sind die Bewohner der Favelas mit der Besetzung durch die UPP (Befriedungspolizei) einer doppelten Gewalt ausgesetzt,

einer doppelten Willkür, einer doppelten Kontrolle über ihre Leben.

Wenn die Besetzung der Favelas zwar die sichtbarste und von den Medien am meisten wiedergespiegelte Seite expliziter Gewalt in den Sicherheitsvorkehrungen für die WM ist, so existiert auch ein allumfassender Sicherheitsplan für die Zeit während der WM. Dies zeigt uns, wie die Welt des brasilianischen Staates in Sachen Repression durch die globalisierte WM-Welt vorankommt.

Für die Durchsetzung dieses Planes wurden die CICC (Centros Integrados de Comandos y Control- vernetzte Kommando- und Kontrollzentren) geschaffen. Sie haben die Kapazität jeglichen Zwischenfall in der Stadt und den 12 Austragungsorten der WM in Echtzeit zu überwachen. In jedem einzelnen von ihnen sieht mensch, in einem Raum mit einem 51 m² großen Bildschirm, Bilder verschiedener Orte, wie Flughäfen, Bahnhöfe, Straßen in der Umgebung der Stadien und andere strategische Orte. Die Schauplätze werden 24h überwacht und bei einem Vorfall sind innerhalb von höchstens 8 Minuten Einsatzkräfte vor Ort. Um diese 14 Zentren aufzubauen (in Rio de Janeiro und Brasilia gibt es jeweils zwei), investierte das Justizministerium 100 Millionen Dollar in Technik. Die Ausschreibung dafür gewann der Konzern Brasil Seguro, der sich aus den Unternehmen Agora Telecom, Comtex, Modulo und Unisys zusammensetzt.

Für den Leiter dieses Konzerns, Roberval Franca, „transformiert das CICC das Einsatzmodell der öffentlichen Sicherheit. Heute gibt es Sicherheitszentren, die durch die militärische Polizei geleitet werden. In den neuen Zentren sind die Bundes-, Bahn-, Zivil- und Militärpolizei anwesend, sowie die Verkehrswacht (CET) und der medizinische Notfalldienst (SAMU). Während der WM werden sich dort zusätzlich das Militär und Vertreter des öffentlichen Dienstes, der Häfen und Flughäfen befinden.“

Die Zentren sind nach einem Aktionskonzept aufgebaut, dass auf Kooperation und Interoperabilität beruht, da verschiedene Agenturen zusammenarbeiten und die CICC dabei hilft, sofortige Rückmeldungen von all diesen zusammenzuführen. In den Zentren werden Ressourcen gemeinsam verwaltet und es gibt die Möglichkeit verschiedene Datensysteme zusammenzuführen. In einem Raum sitzen Analytiker des Geheimdienstes und versuchen jegliche Zwischenfälle vorzubeugen. Die 14 Zentren sind dabei über Videokonferenzen miteinander verbunden.

Die Strategieplanung sieht für verschiedene Szenarien mehrere hypothetische Ereignisse vor, wie „Terrorismusakte, zufällige Unfälle und Demonstrationen“. Für jeden Vorfall gibt es einen temporären Einsatzleiter, der die Vorgehensweise des Einschreitens vorschreibt. Wenn es ein „Problem mit dem schwarzen Block in der Stadt gibt“, ist die Militärpolizei zuständig, wenn es einen Vorfall am Flughafen gibt, die Bundespolizei, immer mit der Möglichkeit um Verstärkung durch andere Institutionen zu bitten. Die Anzahl der Militär- und Polizeikräfte beläuft sich auf 170.000, so der Kommandant der Militärpolizei Andre Vidal nach dem 5. Übungstraining des FBI’s für brasilianische Offiziere.

Die Aufgabe die Besucherkonvois zu begleiten hat das Militär. Auf den Flughäfen wird es versteckte Scharfschützen der Infanterie geben, die darauf trainiert sind Ziele bis zu einer Distanz von 400m zu treffen. Bataillone der Spezialeinheiten der Armee folgen in Hubschraubern, um schnell bewaffnet eingreifen zu können. Drohnen werden die großen Veranstaltungsorte überfliegen, genauso wie im Juni 2012 zum Weltjugendtag, in Anwesenheit des Papstes Francisco. Elektronische Augen können Tag und Nacht die Bewegungen von Personen und Fahrzeugen überwachen, ohne gesehen zu werden. Auf dem Boden wird die Technologie den Einsatz von 27 Robotern erlauben, die laut der „secretaría Extraordinaria de Seguridad para Grandes Eventos“ (außerordentliche Sekretärin der Geschäftsstelle für Sicherheit bei Großevents) um die 260 Millionen US-Dollar pro Stück kosten. Auf jedem Platz werden zwei dieser Roboter stehen, die für die Erkennung und Entschärfung von Bomben programmiert sind. Im August 2013 wurde der Kauf von digitalen Kameras zur Identitätsfeststellung angekündigt, mit der technischen Möglichkeit 400 Gesichter pro Sekunde zu scannen. Auch die Nationalmannschaften werden, nachdem sie in Brasilien angekommen sind, 24 Stunden täglich videoüberwacht, sogar in ihren Hotels. Außerdem wurde der Vorrat nichttödlicher Waffen erhöht und seit Juni 2013 bis April diesen Jahres mehr als 270.000 Granaten und Projektile gekauft.

Die Kosten für diesen Sicherheits-Plan werden auf 812.641 Millionen Dollar geschätzt und während die Koordinierung von Militär und Polizei gegen Protestierende auf den Straßen organisiert wurde, sind freundliche Sicherheitsfirmen für die Überwachung in den Stadien verantwortlich.

Das ist Krieg. Ausgesprochen, angekündigt und ohne Rücksicht auf Verluste. Ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Gegen die Ausgegrenzten und subversiven Protestierenden. Das ist die groteske Vorführung, das die globalisierte WM-Welt ein falscher Zustand ist. Es ist ein Mechanismus bizarrer Legitimationen in der Weiterentwicklung der Repression und der Kontrolle über die Bevölkerung.

Kann etwa jemand mit diesen zu Tage gebrachten Informationen akzeptieren, dass die Proteste „gewalttätig“ sind? Ist es möglich zu behaupten, dass eine Person, die einen Stein auf einen Panzer wirft, eine Gewalttat begeht? Gibt es einen verhängnisvolleren und gewalttätigeren Vandalismus, als die Planung dieses repressiven Systems, das in der Stille eines Bunkers geschaffen wurde, um zu bleiben? Kann jemand mit gesundem Menschenverstand wirklich behaupten, dass diese Operation umstandsbedingt ist und dass diese ganze Infrastruktur nach der WM nicht weiter genutzt wird? Ist es wirklich gewalttätig Autoreifen anzuzünden, um eine Straße zu sperren? Wenn das so wäre, gibt es irgendeinen Vergleich dieser „Gewalt“ gegen Objekte und Gebäude mit der durch den Staat organisierten Gewalt gegen Individuen und Kollektive? Und wenn aufgrund der Inbetriebnahme dieser Maschine der Gewalt gegen eine Demonstration bei einem Zusammenstoß Polizisten oder Soldaten verletzt werden- ist es da nicht offensichtlich, dass es sich um einen Akt berechtigter Selbstverteidigung handelt?

In irgendeinem Moment hat es die Welt geschafft den Rahmen der Interpretation dieser Ereignisse neu abzustecken und Brasilien 2014 ist ein klares Beispiel dafür. Die WM-Welt ist ganz klar durch die Kraft der Gewalt angesichts der allgemeinen Ablehnung errichtet worden. Durch die einseitige Ankündigung eines systematischen, geplanten und offensichtlichen Krieges gegen die Bewohner, kann ein Protest nie pazifistisch sein. Da einer der Teile angekündigt hat, sich auf dem Kriegspfad zu befindet, wird jede Gegenwehr mit Gewalt unterdrückt. Daher ist Protest, real gesehen, nur noch möglich, wenn Gebrauch berechtigter Selbstverteidigung gemacht wird.

Weil die brasilianische Polizei allein im Jahr 2012, laut eines Berichtes des „Foro Brasileño de Seguridad Pública“ (brasil. Forum der öffentlichen Sicherheit), 1.890 Personen umgebracht hat. Weil dazu noch die Toten gezählt werden müssen, die der brasilianische Staat nicht anerkennt. Weil die brasilianische Polizei Kinder tötet, die auf der Straße leben- eine Sache, die unter den Brasilianern weit bekannt ist und nun von ausländischen Journalisten miterlebt und öffentlich gemacht wurde. Und weil, wenn das Sportministerium sagt „wenn sich der Beginn der Spiele nähert, wird es ein feierliches Klima geben und keinen Platz für gewalttätige Proteste sein“, zwischen den Zeilen gelesen werden muss, dass unverhältnismäßige Gewalt gegen all jene eingesetzt wird, die sich der Umsetzung dieser WM-Welt entgegenstellen wollen.

Wir haben gesagt, dass die Menschheit kollektiv für diesen Zustand der Gewalt und des Ungleichgewichts, in dem wir uns befinden, verantwortlich ist. Wir haben aber auch gesagt, dass einige Personen mehr Verantwortung dafür tragen als andere. Wenn der Krieg für einige ein begehrenswertes Geschäft ist, die davon reich werden und durch Tod und gewaltsame Unterdrückung Privilegien erzeugen, so erreicht Brasilien 2014 Niveaus eines traditionellen Krieges oder einer beliebigen Invasion. Auch wenn jeder Kriegseinsatz in Hinblick auf die finanziellen Ausgaben seine eigenen Merkmale hat und es sehr schwer ist, diese voll und ganz in Zahlen wiederzugeben, so nähern wir uns dem, mit folgenden Daten als Bezugspunkt, an.

Die Ausgaben der USA für die Invasionen in Irak und Afghanistan, welche von langer Dauer und auf entfernten Territorien stattfanden, beliefen sich auf etwa 2,4 Billionen Dollar. Brasilien 2014 und sein Krieg gegen die Bevölkerung auf eigenem Territorium kostet, wie schon gesagt, 812.641 Millionen Dollar. Das sagt uns, dass der brasilianische Staat für die Sicherheit der WM-Welt 1/3 dessen ausgibt, was die längsten und blutigsten Invasionen der letzten Zeit gekostet haben.

Aber an diesem Geschäft nehmen nicht nur der brasilianische Staat, die Waffenindustrie und die Firmen, die auf die Herstellung von Kontroll-Technologien spezialisiert sind, teil. Auch eine Ansammlung von Firmen und Unternehmen sind Teil davon und ziehen ihren Gewinn direkt oder indirekt aus der Repression und der Besetzung der Favelas. Die UPP (Befriedungspolizei) begann ihre Arbeit in den Favelas im Süden Rio de Janeiros, der reichsten und für den Immobilienmarkt lukrativsten Zone. Der Wert der Grundstücke, auf denen die kleinen und prekären Hütten gebaut wurden, hat sich nun verfünffacht und es wird geschätzt, dass diese Tendenz weiter steigt.

Eine kleine Zahl von Bauunternehmen beanspruchen die Bauarbeiten für sich und haben mit der erzwungenen Räumung der 250.000 Personen aus ihren Häusern Millionengewinne eingefahren. Allein für den Bau der Stadien und der öffentlichen Verkehrswege hat der brasilianische Staat, als er sich für die WM nominierte, der FIFA einen Plan präsentiert, dessen Umsetzung sich auf 1.100 Millionen Dollar beläuft. Trotzdem und laut eigenen Daten der brasilianischen Regierung, stieg diese Zahl bis auf 3.712 Millionen Dollar. Wie schon gesagt, beläuft sich diese Kostenschätzung nur auf den Bau der Stadien und den Ausbau der Verkehrswege, dazu kommen noch die Finanzierung des integrativen Sicherheits-Plan, die Werbeausgaben und andere Unkosten. Die Zahlen, die die brasilianische Regierung im Seminar „Dialoge: Regierung- Zivilgesellschaft: WM 2014“ offenlegten, belaufen sich auf 11,5 Billionen Dollar zwischen 2007 und 2013.

Die WM-Welt von Brasilien 2014 ist ein Expansionsmechanismus des Kapitalismus, der sich auf den mehrfachen direkten Raub an den Individuen gründet, die auf brasilianischem Territorium leben. Wenn die gewaltsamen Auflagen dieses Events und der Aufmarsch des Militärs die schwerste individuelle und kollektive Freiheitsberaubung darstellen, dann zählt dazu auch die Tatsache, dass das Geld, dass der Staat benötigt, um die WM-Welt zu realisieren, Staatsschulden sind und durch Steuern eingetrieben werden. Die Individuen, die im brasilianischen Staat arbeiten und konsumieren, sind dafür zuständig durch ihre Steuern die WM-Welt zu finanzieren, natürlich zusätzlich zu den Zinsen, die diese Schulden produzieren. Dass ist nicht nur ein einfacher Geldraub, es ist ein Raub an der Freiheit eines jeden Menschen, seine Zeit dem zu widmen, was er/sie bevorzugt. Die Versteuerung des Lohns und der Konsum machen nichts anderes, als die Lebenserhaltungskosten in die Höhe zu treiben, wodurch der Mensch mehr Zeit seines Lebens damit verbringen muss, Geld zu produzieren.

Ein Staat, der eine Staatsverschuldung akzeptiert, bietet seinen Gläubigern als wesentliche Sicherheit die Fähigkeit, seine Bevölkerung zu verpflichten, die Kredite inklusive ihrer Zinsen durch Mechanismen, die ihm angebracht erscheinen, abzuzahlen. Im Jahr 2013 stieg die brasilianische Auslandsverschuldung auf den höchsten Stand ihrer Geschichte seit der Gründung des internationalen Währungsfonds. Die Menschen, die gezwungen wurden ihre Häuser zu räumen und durch Polizei und Militär unterdrückt wurden, werden auch gezwungen sein, diese Schulden zu begleichen.

Dieses Grundprinzip im Funktionieren der kapitalisierten Welt muss zusammen mit einem anderen der wesentlichen Elementen des Kapitalismus betrachtet werden- seine notwendige konstante Expansion. Eine Favela zu besetzen, bedeutet einen Raum zu kolonialisieren, in dem der seriöse Handel kaum vorhanden war. In den Favelas hat niemand sein Grundstück käuflich erworben und niemand hat Wasser, Strom oder Steuern gezahlt. Auch wenn es wahr ist, dass in vielen Fällen eine Art paralleler Staat existierte, der durch Drogenkartelle kontrolliert wurde, so muss auch gesagt werden, dass dort ein Gemeinschaftsgefühl existiert, unvereinbar mit der Logik der kapitalistischen Stadt.

Eine Favela zu besetzen, heißt, sie der Ausbreitung des Kapitalismus zu öffnen. Es gibt viele Geschichten, die beschreiben, wie nach dem Einfall der Armee, die den Weg für die Militärpolizei und die UPP (Befriedungspolizei) frei gab, gleich darauf die Handelsvertreter für Satellitenfernsehen folgten. Die Bewohner der Favelas werden nun als zu erobernde Konsumenten betrachtet, die anfangen müssen für alles zu bezahlen.

Die Armee ist der Garant für die kapitalistischen Aktivitäten und stützt sich immer direkt oder indirekt auf Unternehmen und Konzerne. Ein Beweis dafür bringt eine genaue Zusammenstellung der Firmen, die die UPP direkt unterstützen oder finanzieren. An erster Stelle steht natürlich Coca-Cola, gefolgt vom Bauunternehmen Odebrecht, die mehrere Sitze der UPP gebaut hat und direkt von jeder neuen Baustelle in den Favelas profitiert. O Light, ein Energieversorgungsunternehmen, das die UPP finanziert und zur gleichen Zeit Profite macht, da die Bewohner der Favelas nun ihren Strom bezahlen werden müssen. Seien es Spenden des Erdölunternehmens OGX, verstrickt in Geschäfte mit der brasilianischen Regierung, die in den Kauf von Ausrüstung und Technologie für die UPP fließen. Oder viele andere Firmen wie SENAC oder SEBRAE, die Programme geschaffen haben, in denen die Bewohner der Favelas durch Qualifikationskurse in die Unternehmensgündung und den seriösen Handel eingewiesen werden sollen.

Die UPP (Befriedungspolizei) ist die Eingangstür für den Kapitalismus in die Favelas und ihre Verbindung mit dem Projekt WM-Welt ist mehr als bewiesen. Als wenn das noch nicht ausreichte und um die Verbindungen etwas direkter aufzuzeigen, wollte der brasilianische Fußballverband (CBF) den Bau des UPP-Hauptsitzes in der Favela „Ciudad de Dios“ übernehmen.

Als Gegenleistung existiert eine Argumentationslinie die glauben macht, dass die ganze Bevölkerung vom Gewinn, den die WM generiert, profitiert. Aufgrund des großen Besucherstroms und der hohen Zahl damit verbundener Geschäfte, wurde gesagt, dass jede_r der sich mit Eifer und Vorstellungskraft daran beteiligen will, ökonomisch vom Event profitieren kann. Dieser Gedankengang geht von der falschen Annahme aus, dass wir alle Partner in einem großen gemeinsamen Geschäft sind.

Während die FIFA von diesem Brasilien 2014 1.386 Millionen Dollar bekommt und genauso wie die damit verbundenen Unternehmen (Coca-Cola, Adidas, Sony, Emirates Airways, Hyundai und Visa) von Steuern befreit ist, erhalten diejenigen, die sich dem Straßenhandel widmen, gar nichts. Denn die FIFA, die mit diesem Event die höchsten Gewinne ihrer Geschichte einfährt, hat das alleinige Verkaufsrecht jeglicher Waren verbunden mit der WM oder den Symbolen der teilnehmenden Mannschaften in einem Umkreis von 2 km um jedes Stadion. Durch die Existenz dieser Ausschlusszone für die Straßenhändler wird deutlich, dass die Vorstellung, die WM werfe Gewinne auf allen Ebenen der Gesellschaft ab, nur eine Täuschung mehr ist, um die Verblendung der Vernunft zu rechtfertigen.

Laut des Geschäftsführers der FIFA Jarome Valcke „ist es unglaubig zu sehen, wie es in einer Welt mit so vielen Schwierigkeiten einen Markt für den Fußball gibt. Wir wachsen. Wir werden in Russland (2018) und in Qatar (2022) noch mehr Geld verdienen, da das Wirtschaftswachstum nicht mit dem Austragungsort verbunden ist. Es ist ein einzigartiges Event.“ Und dieses einzigartige Event produziert Gewinne für eine kleine Teilhaber-Gruppe, die ihre Privilegien in dieser Welt in der wir leben beibehalten und ausweiten.

Unsere Leben entwickeln sich in einer bestimmten Zeit und einem bestimmten Raum. Wir neigen dazu diese kulturelle Konstruktion, die sich auf der realen Erde, die uns beherbergt, aufgebaut ist, Welt zu nennen. Die Erde, ein System von Beziehungen zwischen Lebewesen und Energien, neigt notwendigerweise zu einem Gleichgewicht als organisatorisches Prinzip und ist die Balance zwischen all ihren Bestandteilen in ihrem Naturzustand.

Heutzutage existiert eine Stimme, die wir alle in unserem Inneren hören können. Es ist die Stimme des Lebens, die uns vorschlägt uns diesem Zustand des Ungleichgewichts, der Zerstörung und der Ungerechtigkeit in dem wir leben, zu widersetzen. Es war und bleibt die Stimme, die die freien Individuen lenkt und die die Erde, die uns beherbergt, als Heilmittel nutzt, um zu genesen. Zweifellos wird die Erde am Tag, an dem kein Mensch mehr diese Stimme hören kann und keine Individuen mehr existieren, die sich dieser Welt entgegenstellen, darauf zurückgreifen, uns auszurotten. Als einzige Maßnahme zur Heilung. Indem der Mensch angetrieben wird, endgültig seinem zerstörerischen und unausgeglichenen Trieb zu folgen, wird die Erde eine wichtige Periode der Zerstörung erleiden, aber das Leben wird sich wieder ausbreiten.

So stehen die Dinge und es wird nötig anzuhalten, nachzudenken, zuzuhören und zu fühlen. Wir haben gesagt, dass Havelange eine erhöhte Verantwortung dafür trägt. Weil er eine Machtposition besetzt, weil er bei der Planung zur Irreführung mitwirkt, weil er Diktaturen unterstützt, weil er auf persönliche Gewinne statt auf kollektiven Wohlstand baut und weil er viele Jahre lang, als interessanter Zufall, Unternehmer in der Waffenindustrie war. Sicher gibt es noch andere mit soviel Verantwortung, aber auch unsere täglichen Entscheidungen beeinflussen, was hier und heute geschieht.

Heute, mehr denn je, trübt und verzerrt die Stimme des Erzählers, der uns von der WM-Welt abhängig macht, unsere Fähigkeit, die Stimme des Lebens zu hören. Es ist das Flüstern, dass uns dazu treibt einen neuen Fernseher zu kaufen, diejenigen, die aus anderen Ländern kommen, als Feind zu betrachten oder sie wie blöd auf dem Bildschirm anzuschreien. Diese Stimme, die uns ermuntert eine Fahne oder ein Trikot der Nationalmannschaft zu kaufen. Dieser konstante Diskurs verwandelt uns immer mehr in Verantwortliche dafür, was diese Welt ist und produziert.

Wir haben diese Informationen zusammengetragen und wollten unsere Gedanken näherbringen. Denn wir verstehen, dass nicht jede_r Teil dieses Geschäfts sein will. Und weil gegen diese Welt zu rebellieren, mehr als sonst, eine vitale Notwendigkeit ist. Weil wir alle wählen können. Alle…

Nachwort

Wir wollten einen Text lesen, der bisher noch nicht geschrieben wurde. Unser Bauch hat sich beim Schreiben mit Wut gefüllt.

Mai 2014

Quelle: linksunten

mundo mundial mundializado (PDF)

 

 

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